04.10.2006

Erste "Otto Loewi Memorial Lecture" an der Med Uni Graz

Otto Loewi Memorial Lecture und Otto Loewi Jubiläum wurden vorgestellt: Isrealischer Botschafter Dan Ashbel und die international renommierte Wissenschafterin Ada Yonath als "Startgäste" an der Med Uni Graz
Dieses Jahr wird ein "wissenschaftliches" Jubiläum gefeiert: Vor 70 Jahren erhielt Otto Loewi, der 27 Jahre lang an der Medizinischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz lehrte, den Nobelpreis für Medizin. In Erinnerung an den Nobelpreisträger startet die Med Uni Graz am 4. Oktober mit der "Otto Loewi Memorial Lecture", die ab heuer im Zweijahres-Rhythmus abgehalten wird. Die erste Festrednerin ist die international renommierte Forscherin Ada Yonath.

Aus diesem Anlass diskutierten Gesprächspartner aus den unterschiedlichsten Bereichen geschichtliche Aspekte, die Bedeutung interkultureller Beziehungen sowie Forschung und optimale wissenschaftliche Rahmenbedingungen in der Steiermark.

Univ.-Prof. DDr. Gerhard Franz Walter, Rektor der Medizinischen Universität Graz, meinte, dass man gerade als Medizinische Universität Graz viel von Otto Loewi lernen kann: "Er ist ein Beispiel in seiner experimentellen wie auch theoretischen Arbeit und dass sich Wissenschaft im Kopf abspielt."

Landesrätin Kristina Edlinger-Ploder nahm das Jubiläum wahr, um "darüber nachzudenken, was den Wissenschafts- und Forschungsstandort Steiermark ausmacht". Die wichtigsten Rahmenbedingungen dafür sind ein "gutes Klima" und eine schöne Lebensqualität, wobei sich Graz als sehr attraktiv herausstellt. Weiters sei es wesentlich, die Stärkefelder zu forcieren und auch Grenzen abzustecken, nach dem Motto "Wo wollen wir Exzellenzstandort sein?"

Univ.-Prof. Dr. Roberta Maierhofer, Vizerektorin der Karl-Franzens-Universität Graz, sieht im David Herzog Fonds (Details dazu s. im Anhang) vor allem ein Zeichen der Toleranz, der Offenheit und des Verstehens. Ein wesentlicher Aspekt sei das "interkulturelle Lehren und Lernen".

Für Dan Ashbel, israelischer Botschafter in Österreich, ist das 70jährige Jubiläum um Otto Loewi eines mehr für Österreich in diesem Jahr. So nähern sich heuer auch 50 Jahre diplomatischer Beziehungen zwischen Österreich und Israel, letztes Jahr wurden 10 Jahre EU-Mitgliedschaft und 50 Jahre Staatsvertrag gefeiert. Die Beziehung zwischen den beiden Staaten habe "verschiedene Höhepunkte und Talfahrten gesehen, wir sind aber jetzt auf einer guten Ebene. Dafür ist es auch wichtig, Kontakte und Beziehungen zwischen jungen Leuten und Studenten auf wissenschaftlicher, aber auch menschlicher Ebene zu knüpfen."

Gérard Sonnenschein, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Graz begrüßt die Initiative, die auf das Engagement von Initiator Dr. Peter Scheer zurückzuführen ist, und wünscht der neuen Veranstaltungsreihe viel Erfolg.

Ada Yonath, international bekannte Wissenschafterin, beschrieb die treibende Kraft ihrer Forschungstätigkeit als "to know how." Sie betonte die Bedeutung für langfristige Projekte. Je komplexer der Forschungsgegenstand, desto mehr Zeit ist notwendig. Dies sollte auch in der Forschungsförderung berücksichtigt werden. Ihr wahrer Dank gilt den Menschen "who just let me go". Ergebnisse aus der Grundlagenforschung werden ebenso angewandt und in den verschiedensten Bereichen umgesetzt wie Ergebnisse aus der angewandten Forschung - ihre Arbeiten seien die besten Beispiele dafür.
Hintergrund-Informationen
Otto Loewi (1873-1961) studierte in Straßburg und habilitierte in Marburg, lehrte seit 1909 an der Medizinischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz als Ordinarius für Pharmakologie. Sein Londoner Freund Sir Henry Dale konfrontierte Otto Loewi mit der Frage, ob die Reizung des Herzens durch chemische Substanzen erfolgen könne. Bei Reizung des Herzens wurden nämlich Erscheinungen ausgelöst, die mit denen einer Nervenreizung identisch waren. Der zugrunde liegende Mechanismus war jedoch noch ungeklärt. 1921 entdeckte Otto Loewi die chemische Weiterleitung von Nervenimpulsen. Er konnte die Vagusnerven von Froschherzen in einer Kochsalzlösung stimulieren, in der bereits vorher andere bewusst angeregte Herzen lagen. So konnte Loewi nachweisen, dass für die Übertragung des Nervenimpulses auf das Herz ein chemischer Stoff verantwortlich sein musste, den er als "Vagusstoff" bezeichnete und der später von Sir Henry Dale als Acetylcholin identifiziert wurde. 1936 erhielt Otto Loewi für die Entdeckung der Fortpflanzung des Nervenreizes, dem auch heute in der Neurophysiologie noch gültigem Prinzip der Neurotransmission, gemeinsam mit Sir Henry Dale den Nobelpreis für Medizin. 1938 wurde Otto Loewi, wie auch 47 seiner Kollegen, entlassen. Loewi wurde als Jude von den Nationalsozialisten gezwungen, Graz sofort verlassen. Nur durch die zur Verfügungstellung seiner in Stockholm deponierten Nobelpreissumme konnte er sich loskaufen und gelangte über Belgien und England in die USA, wo er bis zu seinen Tode am College of Medicine in New York lehrte und forschte. Otto Loewi ist nie mehr nach Österreich zurückgekehrt.

Ada Yonath: Forschungsschwerpunkt der bekannten Wissenschafterin ist u.a. das Ribosom. So entschlüsselte sie zB im Jahr 2000 die komplexe Struktur des Ribosoms, 2001 entdeckte sie mit einem deutschen und israelischen Forscherteam die genaue Funktionsweise von Antibiotika. Das Team fand heraus, an welchem Teil des Ribosoms beim Bakterium "Deinococcus radiodurans" sich fünf verschiedene Antibiotika binden.

David Herzog (1869-1946) war Landesrabbiner für Steiermark und Kärnten und lehrte zugleich an der Philosophischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. 1938 wurde ihm Lehrbefugnis entzogen und bald darauf entlassen. 1939 verließ er, der nach dem Novemberpogrom trotz enormer Pressionen bei seiner Gemeinde ausgeharrt hatte, Graz in das Exil nach England. Seine Lebenserinnerungen sind ein erschütterndes Dokument der Jahre des heraufkommenden Nationalsozialismus in Graz. 1988 wurde an der KFU im Gedenken an das Jahr 1938 ein nach ihm benannter Fonds ins Leben gerufen, der mittlerweile von allen steirischen Universitäten getragen wird.

Ziel der David-Herzog-Fonds Stipendien ist es, das interkulturelle Verstehen und Lernen - speziell in Bezug auf die jüdische Kultur - zu fördern und zu unterstützen. Stipendien werden an WissenschafterInnen, Graduierte und Studierende aus Israel und Österreich zur Förderung transnationaler Aktivitäten im Rahmen internationaler akademischer Mobilität sowie internationaler Forschungs- und Universitätskooperation mit dem Themenschwerpunkt im Bereich der jüdischen Kultur vergeben.
Weitere Informationen
http://www.uni-graz.at/dhf/

Der israelische Botschafter in Österreich bei seinem heutigen Besuch in Graz, anlässlich der ersten "Otto Loewi Memorial Lecture" an der Med Uni Graz.

Die international bekannte Wissenschafterin Ada Yonath erzählt aus ihrer langjährigen und erfolgreichen Erfahrung. Ihre Motivation: "Research is motivated by the wish to know how."

Die Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Bereichen (von links nach rechts): Univ.-Prof. Dr. Roberta Maierhofer, Vizerektorin der Karl-Franzens-Universität Graz, Gérard Sonnenschein, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Graz, Landesrätin Mag. Kristina Edlinger-Ploder, Dan Ashbel, Botschafter in Österreich, Univ.-Prof. DDr. Gerhard Franz Walter, Rektor der Medizinischen Universität Graz, Univ.-Prof. Dr. Peter Scheer, Initiator der Otto Loewi Memorial Lecture, Ada Yonath, Director des Helen Milton A. Kimmelman Center for Biomolecular Structure and Assembly of the Weizmann Institute

Ribosomenforschung hautnah von einer Expertin: Ada Yonath bei ihrem Fest-Vortrag

Rektor Univ.-Prof. DDr. Gerhard Franz Walter berichtet über Otto Loewi
Photonachweis: Bernd Bergmann für Med Uni Graz, honorarfrei
 

05.10.06