|
Arbeitsgruppe Die Rolle der Medizin
im Nationalsozialismus in der Steiermark
Struktur und Forschungsvorhaben
Im Sommer des Jahres 1998 wurde vom Fakultätskollegium der Medizinischen
Fakultät der Universität Graz die Arbeitsgruppe "Die Rolle der
Medizin im Nationalsozialismus in der Steiermark" eingesetzt. Diese Arbeitsgruppe
ist interdisziplinär mit ÄrztInnen, HistorikerInnen, Philosophen
und Soziologen besetzt. Den formalen Vorsitz hat R. Horst Noack vom Institut
für Sozialmedizin und Epidemiologie inne, den fachhistorischen Vorsitz
und somit die inhaltliche Leitung hat Alois Kernbauer vom Universitätsarchiv.
Wolfgang Freidl, ebenfalls vom Institut für Sozialmedizin, ist als
Projektkoordinator tätig. Neben regelmäßigen Sitzungen
der Gesamtarbeitsgruppe trifft sich bei Bedarf auch eine Kleinarbeitsgruppe,
die speziell organisatorische Angelegenheiten wie z.B. die Vorbereitung
von Projektförderungsanträgen übernimmt.
Nach anfänglichen Finanzierungsschwierigkeiten und vielen unentgeltlichen,
beharrlichen Vorarbeiten ist es gelungen das Land Steiermark, das damalige
Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr und die Stadt Graz
als Geldgeber zu gewinnen. Mit diesen finanziellen Mitteln ist die Arbeit
am Projekt für zirka eineinhalb Jahre gewährleistet. Derzeit
werden damit die Werkverträge von vier Historikerinnen bezahlt, die
folgende Subprojekte bearbeiten:
1) Erstellung von Kurzbiografien der WissenschaftInner, die von 1938-1945
an den österreichischen Medizinischen Fakultäten tätig waren
2) Erstellung von Publikationsverzeichnissen der WissenschaftInner,
die von 1938-1945 an unserer Fakultät tätigen waren
3) Euthanasie in der Steiermark
4) Aufarbeitung und Bereitstellung von Archivalien zur Geschichte
der Medizinischen Fakultät der Universität Graz in der NS-Zeit
Weiters ist eine Historikerin vorerst für ein Jahr halbtägig
angestellt, welche sich mit dem Thema Gesundheitspolitik auseinandersetzt
und die kontinuierlich anfallende Arbeit erledigt. Die Organisationsstruktur
des Projektes wird in Kooperation vom Institut für Sozialmedizin und
Epidemiologie und dem Universitätsarchiv getragen. Formal rechtlich
sind die Projektmitarbeiterinnen am Institut angesiedelt, ihre Arbeitsstätte
befindet sich hingegen in den Räumlichkeiten des Archives, da dort
die notwendigen historischen Arbeitsmaterialien zur Verfügung stehen.
Das Projekt ist derzeit zwar kurz- bis mittelfristig gesichert, eine wichtige
Aufgabe des nächsten halben Jahres wird es jedoch sein müssen,
weitere Finanzquellen zu erschließen, um dem Projekt in seiner Langfristigkeit
und Komplexität gerecht zu werden.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der Medizin in
Graz während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgt in mehreren
Schritten: Im ersten Schritt wird die Struktur der Medizinischen Fakultät
auf der Basis aller derzeit vorhandenen bzw. auffindbaren Quellen möglichst
vollständig erarbeitet werden. Dazu ist es notwendig, Nachforschungen
in verschiedenen Archiven anzustellen, angefangen vom Universitätsarchiv
der Karl-Franzens-Universität über das Steiermärkische Landesarchiv,
das Österreichische Staatsarchiv in Wien und die Archive anderer,
in den Grenzen des "Dritten Reiches" liegender Universitäten, bis
hin zu Prager Archiven und zu den großen Archiven in Berlin, London.
Ferner sind noch all die Bestände zu erfassen, die in Instituten,
Kliniken und Krankenanstalten der Steiermark, aber auch in der Steiermärkischen
Ärztekammer als Quellen in Frage kommen. Teil dieses ersten Arbeitsschrittes
ist es aber auch, die Literatur vollständig zu erfassen, und zwar
sowohl all die wissenschaftlichen und sonstigen Publikationen der in Graz
und allenfalls in der Steiermark in der NS-Zeit tätigen Mediziner
als auch das reichhaltige, von den zuständigen Stellen des "Dritten
Reiches" veröffentlichte einschlägige Schrifttum grundsätzlicher
und allgemeiner Art zur Gesundheitspolitik und zum Gesundheitswesen.
Da es sich hierbei um einen Quellenumfang gewaltigen Ausmaßes
handelt, wird in diesem derzeit laufenden ersten Arbeitsschritt möglichst
große Vollständigkeit bei all jenen Unterlagen angestrebt, die
der wissenschaftlichen Zielsetzung einer möglichst vollständigen
Erfassung der Strukturgeschichte und der wissenschaftlichen Publikationstätigkeit
der Grazer Mediziner, dienlich sind.
Noch in diesem Jahr werden voraussichtlich Organisationsstruktur
und Personalstruktur der Grazer Medizinischen Fakultät für die
Periode von 1938 bis 1945 in allen ihren wesentlichen Aspekten erforscht
sein, wobei es natürlich unvermeidlich ist, auf die dem Jahre 1938
vorangehenden Entwicklungen entsprechend einzugehen wie auch die Vorgänge
nach 1945, die Nachwirkungen in der Phase der Entnazifizierung also und
der Neuansatz für die Entwicklung der Fakultät in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit gebührender Gründlichkeit
zu behandeln. Zu diesem Fragenkreis zählen nicht nur die Biografien,
die wissenschaftliche Publikationstätigkeit und die Vorlesungs- bzw.
Vortragstätigkeit, sondern auch die Studentenschaft, deren Zusammensetzung,
die Geschichte der SS-Ärztlichen Akademie, deren Studenten an der
Medizinischen Fakultät ihre Ausbildung erhalten haben, wie auch die
Veränderungen in der Zusammensetzung der Hörerschaft während
der NS-Zeit.
Daneben werden besonders wichtige Fragen, allen voran die Euthanasie,
in gesonderten Schwerpunkten untersucht. Mit diesen Arbeiten wird eine
zuverlässige Basis für die weiteren Forschungen geschaffen. Über
diese Fakultätsgeschichte während der fraglichen NS-Zeit samt
Vor- und Nachgeschichte hinaus wird damit auch eine "politische" Geschichte
der Fakultät und ihrer Angehörigen vorliegen, soweit dies die
Quellen und Überlieferungen zulassen. Es versteht sich von selbst,
daß hierbei unter strengster Beibehaltung der von der Geschichtswissenschaft
entwickelten Methoden vorgegangen wird und im Rahmen dieses Prozesses kein
Raum ist für Beliebigkeiten irgendwelcher Art, gleichgültig ob
sie von Fachleuten oder vor allem von Gelegenheitshistorikern, wohlmeinenden
Interessierten oder Dilettanten im besten Sinn des Wortes, also von all
jenen kommen, die das historische Handwerk nicht oder nur autodidaktisch
erlernt haben. Ungeachtet dessen und im besonderen angesichts der Schwierigkeiten,
ein historisches Gesamtbild zu erstellen, bei dem es auf größtmögliche
Exaktheit im Detail ankommt und das der historischen Wahrheit möglichst
nahe kommt, sind alle Fakultätsangehörigen, Absolventen und Interessierten
eingeladen und gebeten, ihre in jedem Fall wertvolle Unterstützung,
und sei es eine noch so kleine Information, in jeder nur denkbaren Form
all den an diesem Projekt Arbeitenden zukommen zu lassen.
Um nur auf einige bisherige Ergebnisse hinzuweisen, sei angeführt,
daß es ein besonderes Anliegen ist, die jeweiligen Veränderungen
in der Personalstruktur als Folge der politischen Ereignisse des Jahres
1938 zu beleuchten. Die Entlassungen, die Emigration von Fakultätsangehörigen,
und zwar sowohl von wissenschaftlichem Personal wie der Studenten, wird
genau erfaßt und beleuchtet sein wie die gleichzeitig erfolgte Wiederkehr
der im Jahre 1934 infolge des Verbotes der NSDAP Entlassenen. Besonders
interessant ist die Zeit der Supplierungen und die ernsthaften Bemühungen
des Dekans Hafferl, wissenschaftlich hochstehenden Ersatz für die
Vertriebenen nach Graz zu holen. In diesem Zusammenhang ist es besonders
interessant zu verfolgen, nach welchen Kriterien Hafferl einerseits, die
Vertreter der Parteiorganisationen anderseits vorgingen. In den Jahren
bis 1940 wurden die Reste der universitären Autonomie Schritt für
Schritt zugunsten der Einflußnahme der NSDAP auf alle wesentlichen
Entscheidungen innerhalb der Fakultät abgeschafft. Am Ende dieses
Prozesses ist vom Selbstbewußtsein des Dekans wenig übrig; sehr
devot agiert er gegenüber dem Berliner Ministerium, ergeben, jedoch
manchmal feindselig stichelnd gegenüber dem Dozentenbundführer
bzw. dem Kurator der drei steirischen Hochschulen.
Trotz mehrfacher Anläufe wurde in Graz die aus ideologischen
Gründen als vordringlich erachtete Professur für Rassenkunde
und Rassenhygiene nicht besetzt. Der Grund hiefür lag in der geringen
Anzahl ausgebildeter Fachleute auf diesem Gebiet, welche aus der Sicht
der Partei für die Vertretung dieser Professur in Frage kamen.
Besetzungsfragen von Professuren gestalteten sich in diesen Jahren
insgesamt als äußerst schwierig. Zwar fiel die Prozedur der
Beratungen innerhalb der Gremien der nach dem Führerprinzip strukturierten
Universität weg, doch waren dafür die Einflüsse und Stellungnahmen
der Parteiangehörigen und der Vertreter verschiedener Organisationen
fallweise einer raschen Besetzung hinderlich.
Von größtem Interesse ist auch das Gesamtkonzept der Nationalsozialisten,
die nach dem personellen "Aderlaß" an den drei österreichischen
Universitäten ursprünglich ungefähr drei gleich große
und gleich bedeutende in Wien, Graz und Innsbruck schaffen wollten, um
damit zugleich auch aus der eklatanten Reduktion des Personals der Wiener
Medizinischen Fakultät, an der der Prozentsatz der Entlassenen über
der Hälfte lag, eine Tugend machen wollten. Vom ursprünglichen
Konzept einer über die Grenzen hinweg nach Süd- und Südosteuropa
ausstrahlenden Fakultät bzw. Universität blieb alsbald infolge
des Krieges nicht mehr viel. Zudem stellte sich heraus, daß es nahezu
unmöglich war, für die Entlassenen wissenschaftlich gleichwertigen
Ersatz zu schaffen, zumal der Kreis der in Frage Kommenden aufgrund der
einige Jahre zuvor im "Altreich" durchgeführten Entlassungen und der
Kriterien der Nationalsozialisten eingeschränkt war. Nun wurde aber
auch deutlich, daß bei Neubesetzungen mit Wissenschaftern von anderen
Universitäten oft auch Änderungen im Forschungsschwerpunkt einhergingen,
die kostspielig waren und die das Regime nicht tragen wollte oder konnte.
Ein unerquickliches Forschungsfeld ist die Frage der Entnazifizierung
nach dem Krieg, die in den ersten Jahren rigoros durchgeführt wurde,
was sich später infolge der gesetzlichen Bestimmungen änderte.
Der Vorgang der Entnazifizierung ist quellenmäßig ganz außergewöhnlich
gut belegt, doch handelt es sich bei diesen Akten in den allermeisten Fällen
um parteiische Schriftstücke, die zumeist in der Absicht verfaßt
wurden Sachverhalte in einem bestimmten Licht erscheinen zu lassen. Wenn
Geschichtsforscher Schwierigkeiten haben, Vorgänge in der Vergangenheit
in der der Wahrheit am nächsten kommenden Form zu erforschen, so liegt
dies häufig am Quellenmangel. Im Falle der Entnazifizierung ist ein
umgekehrter Fall gegeben: eine Fülle von Akten deckt oftmals vergangenes
Geschehen oftmals zu. - Sehr viel zuverlässiger sind hingegen jene
Akten, die im Zuge von gerichtlichen Voruntersuchungen entstanden sind.
Sehr spärlich ist die Aktenlage zur SS-Ärztlichen Akademie,
die nicht zur Fakultät gehörte, sondern Teil der SS war. Die
Zahl der Angehörigen der Akademie, die ihr Studium an der Universität
Graz in den Jahren 1940-1945 abschlossen, lag nach dem derzeitigen Forschungsstand
zwischen zehn und zwanzig.
Auf den Ergebnissen dieser Arbeiten aufbauend, wird es später
möglich sein, weitergehende Fragen zur Geschichte der Medizin in der
NS-Zeit zu stellen. Doch müssen erst die Eckdaten bekannt sein, bevor
man zu größeren Würfen ansetzt. In späteren Arbeitsschritten
soll zudem die Gesundheitspolitik mit all ihren Facetten im großen
Rahmen in der Steiermark untersucht werden.
Alois Kernbauer, Mag. Dr. Ao. Univ.-Prof.
Wolfgang Freidl, Dr. Ao. Univ.-Prof.
|
|